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Phyllis Chesler
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Posted in: Feminism, Gender, Psychology & Law

Published on Dec 23, 2020 by Christoph Kramer and Phyllis Chesler

Published by Achgut

Eine verbotene feministische Fantasie

In diesem Jahr erschien Phyllis Cheslers neues Buch Requiem for a Female Serial Killer über ihr Engagement im Fall Aileen Wuornos. Christoph Kramer stellte einige Fragen zum Buch an die Achgut.com-Autorin.


Christoph Kramer: Phyllis, Sie haben damals begonnen, sich mit Aileen Wuornos zu beschäftigen und sich für sie einzusetzen, nicht zuletzt, um ihre Geschichte für die Frauenbewegung nutzbar zu machen. Ist dieser Plan aufgegangen?

Phyllis Chesler: Mir ging es nicht um die Frauenbewegung, sondern um prostituierte Frauen, die als Kriminelle stigmatisiert werden und deren sogenannte „Arbeit“ die Quintessenz der Gewalt gegen Frauen ist. Da die globalen Medien so besessen von Wuornos waren, dachte ich, dass ihr Fall ein ausgezeichneter Anlass sein könnte, um diese Lehre zu erteilen. Außerdem schien es eine sehr wichtige Geschichte zu sein, die es wert war, aufgeschrieben zu werden.

Ich sah in Wuornos eine Gelegenheit, das Recht auf Selbstverteidigung bei Vergewaltigung auf Prostituierte auszuweiten, von denen die meisten jeden Tag an vorderster Front der gewalttätigen Frauenfeindlichkeit stehen. Ein Leben am Rande des Abgrunds macht jemanden nicht unbedingt „nett“. Ich habe nicht erwartet, dass ich sie „mögen“ würde. Unsere sogenannte erste weibliche Serienmörderin war nicht geeignet als Vorbild für Frauen, die nach Erfolgen trachten.

Am Anfang sah ich in Wuornos eine Prostituierte, die zurückschlug – aber ich sah bald ein, dass sie genauso wenig ein politischer Akteur war wie Valerie Solanas. Solanas ist die Frau, die auf den Künstler Andy Warhol schoss (er überlebte) – und sie schrieb auch ein brillantes und leicht verrücktes Manifest mit dem Titel „The Society for Cutting Up Men“, das in dreizehn Sprachen übersetzt wurde.

Wuornos und Solanas – beide wurden von einer Reihe von führenden Radikalfeministinnen vereinnahmt, die sie prompt missbrauchten, verschlissen und aussonderten. Beide Frauen waren Einzelgängerinnen: wortgewaltig, handfest, explosiv und asozial. Beide gaben als Teenager Babys zur Adoption frei, arbeiteten als Prostituierte und waren lesbisch, bisexuell oder asexuell. Nach ihrer Verhaftung wurde Solanas als „paranoide Schizophrene“ diagnostiziert und in einer Anstalt für kriminelle Geisteskranke untergebracht. Als sie entlassen wurde, driftete sie nach San Francisco ab, schrieb nie wieder und starb in Armut.

Solanas wurde nicht zur Serienmörderin.

Was mich zu Wuornos‘ Fall hinzog, war mein Wunsch, ihre erste Jury (Geschworene im Prozess, Anm. d. Red.) darüber aufzuklären, wie gewalttätig Prostitution ist und wie routinemäßig Prostituierte verbal erniedrigt, mit dem Tod bedroht, geschlagen, ausgeraubt, gefoltert und getötet werden. Sie sind diejenigen, auf die es männliche Serienmörder abgesehen haben. Nur sehr wenige Prostituierte sind jemals in der Lage, Notwehr auszuüben, um ihr eigenes Leben zu retten. Wuornos tat es, zumindest beim ersten Mal (gemeint ist der erste Mord an Richard Mallory, Anm. d. Red.). Ich habe mich wegen dieser Themen mit Wuornos beschäftigt. Ich organisierte ein Team von Experten für ihren ersten Mordprozess; keiner von uns durfte aussagen.

Ich habe nicht einmal einen Hauch von Gerechtigkeit für sie erreicht, oder für irgendeine andere Prostituierte, die weiterhin jeden Tag Gewalt und Tod ausgesetzt ist. Wuornos war viel zu beschädigt, um gerettet zu werden; ich konnte sie nicht retten, wir konnten sie nicht retten, sie war jenseits irdischer Rettung.

Christoph Kramer: Welche Funktion könnte die Erinnerung an Wuornos und ihre Taten für die Frauen von heute und den heutigen Feminismus haben? Kann man sagen, dass Wuornos sozusagen eine Schlacht im Namen „der Frauen“ geschlagen hat? Kann sie vielleicht als eine Art „Drohung“ dafür dienen, was Männern droht, wenn sie Frauen nicht respektieren? Eignet sie sich als Ikone für die Gender-Bewegung, weil sie als Frau Taten beging, die bis dahin fast ausschließlich von Männern begangen wurden?

Phyllis Chesler: Für die meisten Feministinnen ist Wuornos kein Vorbild. Aber sie verkörpert eine verbotene feministische Fantasie, die andere Frauen vielleicht teilen, nämlich die Verfolgung von Kindervergewaltigern, männlichen Porno-Zuhältern und deren süchtigen Kunden, männlichen Schlägern und männlichen Serienmördern, die hauptsächlich Frauen töten.

Es besteht kein Zweifel daran, dass Wuornos „verroht“ wurde und dass eine solche Verrohung einer Folter gleichkam und sie deshalb Drogen und Alkohol sowie eine „Abkopplung“ von der Realität benötigte. Ich schreibe darüber in Requiem.

Wie andere Feministinnen und Akademikerinnen sah ich sie anfangs als den Inbegriff eines amerikanischen Outlaws, der die Fantasie der Welt stark anregte, weil sie sieben männliche Autoritätspersonen, darunter ehemalige Polizisten, niederschoss; eine Art weiblicher Badass, eine waffentragende lesbische Prostituierte, die zu einer berühmt-berüchtigten Legende wurde.

Sie war die ursprüngliche „Thelma und Louise“. Nach Wuornos haben wir eine große Anzahl von weiblichen Spionen und Attentätern, weiblichen bezahlten Killern, weiblichen CIA- und MI5-Agenten, misshandelten Frauen, die Ehemänner töten, usw. auf der Leinwand gesehen

Christoph Kramer: Im Komplex von Wuornos Motiven spielt „Rache“ offenbar eine bedeutende Rolle. Gemeinhin wird der Prozess der Zivilisation als ein Prozess der Überwindung oder Eindämmung von Rachegelüsten betrachtet. In dieser Hinsicht wäre Wuornos‘ Fall ein Rückfall in die Barbarei. Hätte es für sie nicht andere, „zivilisiertere“ Formen der Reaktion auf zugefügte Ungerechtigkeit gegeben, oder ist das eine naive Vorstellung?

Phyllis Chesler: Vergewaltigte Frauen, die Männer in Selbstverteidigung töten, erhalten in den USA oft lebenslange Haftstrafen ohne Bewährung. Väter, die Töchter vergewaltigen und Priester, die Kinder vergewaltigen, werden selten strafrechtlich verfolgt. Die Mütter von ermordeten Kindern sehen selten Gerechtigkeit. Die meisten leiden und akzeptieren ihr schreckliches Schicksal. Nur eine Handvoll findet Wege, sich zu wehren, sich zu rächen, Gerechtigkeit zu erlangen, oder, wenn man so will, „Rache zu nehmen“.

Seit vielen Jahrzehnten streiten sich Feministinnen heftig darüber, ob Frauen immer Opfer sind oder ob sie „agency“ haben und für ihre Taten verantwortlich sind.

In ihrem Film „A Question of Silence" stellt Marleen Gorris die Frage, ob Frauen das Recht haben, jeden beliebigen Mann zu töten – angesichts des Krieges, der gegen Frauen im Allgemeinen geführt wird. In dem Film arbeiten Frauen, die sich nicht kennen, zusammen, um einen geringschätzigen männlichen Angestellten zu töten. Sie werden alle verhaftet und schweigen. Die weibliche Psychiaterin, die sie untersuchen soll, kann nichts psychologisch Verkehrtes an ihnen finden; schließlich schließt sie sich ihnen an. Die Psychiaterin erklärt, dass das, was sie getan haben, als etwas zu verstehen ist, das im Krieg eben passiert. Gorris‘ männlicher Angestellter war ein völlig Fremder, aber er behandelte die Frauen mit einer nur allzu bekannten Verachtung. Er zahlte den Preis für das, was hunderte, vielleicht tausende anderer Männer vor ihm getan hatten. Sind die Frauen einfach ausgerastet? Oder haben sie endlich verstanden, dass sie in einem nicht enden wollenden Krieg die Verlierer waren, und waren nun bereit, als Kämpfer und nicht als Beute zu agieren?

Als ich mich zum ersten Mal mit dem Fall Aileen Wuornos in Florida beschäftigte, betrachtete ich sie als eine fiktive Figur, direkt aus den Romanen von Andrea Dworkin, Monique Wittig und Helen Zahavi entnommen. Ich glaubte (und tue es immer noch), dass Wuornos beim ersten Mal in Selbstverteidigung tötete. Danach änderte sich etwas – vielleicht änderte sich sogar alles. Langsam, widerwillig, kam ich zu einer etwas anderen Schlussfolgerung als Gorris‘ Psychiaterin.

Auf meiner Facebook-Seite zitierte eine Feministin zustimmend jemanden, der gesagt hatte: „Sieben Männer (waren) nicht genug...“

Ein toller Satz, aber er hat mich gestoppt.

Vielleicht verwechseln solche Feministinnen fiktionalisierte weibliche Attentäterinnen/heilige Kriegerinnen – ein metaphorisches feministisches Hit Squad – mit dem, was es tatsächlich bedeutet, jemanden zu töten und vor einem patriarchalen Gericht wegen Mordes angeklagt zu werden. Vielleicht haben diese sieben männlichen Opfer Wuornos gar nicht misshandelt, aber sie verdienten in deren Augen dennoch den Tod, weil andere Männer Wournos misshandelt hatten.

In Wuornos‘ Fall stand jedoch nicht die gesamte Kultur des Patriarchats und der Prostitution vor Gericht. Das würde einen anderen Ort und einen revolutionäreren Moment in der Geschichte erfordern.

„Wuornos ist nicht wie männliche Serienmörder“

Christoph Kramer: Wuornos beging ihren Serienmord im Westen, in den USA. Was ist Ihrer Meinung nach die Bedeutung dieser Tatsache? Hätte ein Ereignis wie die Wuornos-Morde auch in nicht-westlichen Gesellschaften zu dieser Zeit geschehen können? Könnte so etwas heute in Ländern mit offensichtlicher Unterdrückung von Frauen, wie z.B. Saudi-Arabien, passieren?

Phyllis Chesler:Frauen in Saudi-Arabien und in anderen arabischen und muslimischen Ländern fallen oft wegen unbedeutender und sogar eingebildeter Verbrechen Ehrenmorden zum Opfer. Wenn sie ihre Vergewaltiger, ihre grausamen Herren oder ihre Ehemänner in Notwehr töten, werden sie gefoltert und hingerichtet. Andererseits ist das, was Wuornos getan hat, selbst in den Vereinigten Staaten, selbst im Westen, ziemlich ungewöhnlich. Den meisten Frauen fehlt eine militärische Ausbildung, sie benutzen keine Waffen und wurden sorgfältig darauf trainiert, männliche Gewalt zu akzeptieren und sich selbst die Schuld daran zu geben.

Christoph Kramer: Wie hat sich das Phänomen der weiblichen Serienmörder seit Wuornos entwickelt? Welcher „Typ“ von Serienmörderin war sie im Vergleich zu anderen?

Phyllis Chesler: Es gibt viele Arten von weiblichen Serienmördern: „Schwarze Witwen“, Frauen, die einen Ehemann nach dem anderen umbringen, um Versicherungsgelder zu kassieren oder um Immobilien zu erwerben. Ihre Namen sind Legion. Weibliche Krankenschwestern (auch männliche Krankenpfleger), die Patienten töten, manchmal für Geld, oder aus „Gnade“, aber auch, weil sie es können. Darüber hinaus haben Frauen junge Mädchen in die Prostitution gelockt und foltern oder töten sie sogar, wenn sie versuchen, zu fliehen. Manchmal werden Frauen zu Zuhältern oder Madams, um den zermürbenden, kriegsähnlichen Bedingungen der Prostitution zu entkommen.

Hier ist der Unterscheid zwischen Wuornos und anderen bekannten Frauen, die Serienmorde an Männern verübten: Sie tötete Fremde auf dem Highway des Lebens – draußen, nicht drinnen zu Hause; und mit einer Waffe, nicht mit Gift.

Andere weibliche Serienmörderinnen töteten nur männliche Intimpartner, und sie taten dies für Geld (Versicherungspolitik, Immobilien), schlicht und einfach.

Wuornos ist nicht wie männliche Serienmörder – sie ist eine ziemlich einzigartige weibliche Serienmörderin. Sie ist nicht wie andere Frauen, die grausam missbraucht wurden, aber nicht zu Mörderinnen wurden. Sie ist auch nicht wie mörderische Ehefrauen oder mörderische Krankenschwestern.

Und schließlich ist sie völlig anders als männliche Serienmörder, die hauptsächlich Frauen töten, prostituierte Frauen, mit erotischer Perversität, und die sie manchmal in grotesken gynäkologischen Positionen posieren. Lesen Sie zu diesem Punkt die brillante Jane Caputi. Männliche Serienmörder können zwischen 10 und 100 Frauen töten. Sie planen ihre „Tötungen“ strategisch und sind sehr schwer zu finden. Wuornos hatte kein erotisches Motiv, sie hatte keine Orgasmen, während sie tötete oder nach dem Tod mit Leichen, und sie hinterließ überall Hinweise und wurde schnell gefasst.

„Eine Art feministische Volksheldin – und eine gefährliche, beschädigte, verdammte und verrückte Frau“

Christoph Kramer: Warum haben Sie das Thema Wuornos gerade zu diesem Zeitpunkt wieder aufgegriffen? Was wollen Sie mit dem Buch erreichen?

Phyllis Chesler: Das war Zufall. Ich bin auf fünf Kapitel gestoßen, die ich vor fast dreißig Jahren geschrieben habe. Ich konnte nicht aufhören zu lesen. Es floss wirklich. Ich ließ mein riesiges Wuornos-Archiv wieder auferstehen und begann, tausende von Seiten juristischer Dokumente und die Interviews zu lesen, die ich mit Wuornos sowohl am Telefon als auch persönlich geführt hatte. Ich fand unsere Korrespondenz und veröffentliche einige unserer Briefe zum ersten Mal in diesem Buch.

Ich habe auch die hunderte von Interviews geordnet, die ich mit einer ganzen Reihe von schillernden Persönlichkeiten geführt habe, darunter ihre biologische Mutter, ihr Liebhaber, der gegen sie ausgesagt hat, eine Vielzahl von Anwälten aus Florida, ehemalige Prostituierte, das Expertenteam, das ich zusammengestellt hatte und von dem ich hoffte, dass es in ihrem Prozess aussagen würde, und die Feministinnen, die in Floridas Frauenhäusern und Vergewaltigungskrisenzentren arbeiteten.

In diesem Buch geht es um Wuornos, aber auch um meinen Versuch, mich in ihren Kopf hineinzuversetzen, um es sowohl auf ihre als auch auf meine Weise zu sehen, und um uns beide zu verstehen.

Ich war noch etwas jünger im Jahr 1990, dem Jahr, in dem sie die meisten ihrer Morde beging. Würde ich mich heute auf so etwas einlassen? Ich bezweifle es. Körperlich könnte ich es nicht tun. Würde ich Wuornos immer noch als eine Art feministische Volksheldin sehen? Ja, das würde ich, oder in erster Linie als eine gefährliche, beschädigte, verdammte und verrückte Frau – nun, das war sie auch.

Wäre ich immer noch so mitfühlend hinsichtlich dieser unberechenbaren, jähzornigen, unflätigen Kindfrau, und würde ich immer noch riskieren, als Verteidigerin oder Fürsprecherin einer solch unsympathischen Frau angesehen zu werden?

Vielleicht – denn hier bin ich und schreibe über sie.

Lee ist schon lange tot, aber sie lebt noch immer in meiner Vorstellung und Erinnerung weiter. Ich habe mein Buch „Requiem für eine Serienmörderin“ genannt, weil es meine Art ist, sie endlich zur Ruhe zu betten – indem ich ihrem Leben, ihren Taten und ihrem Tod ein Denkmal setze. Eine Art Klagelied, um zu betrauern, was einem Mädchen in dieser Welt passieren kann, eine schreckliche und bedauernswerte Geschichte mit einem unvermeidlich schmutzigen Ende.

Ja, ich weiß, dass sie eine rasende Alkoholikerin war, eine unflätige, unausstehliche, instabile Widerspenstige – und auch eine Serienmörderin – und doch, jetzt, da ich besser verstehe, was Vergewaltigung und Prostitution einem Jugendlichen und einer Frau antun können, und was für ein erbärmlich geschädigtes Kind sie wirklich war, habe ich mehr, nicht weniger, Mitgefühl für sie.

Phyllis Cheslers Buch Requiem for a Female Serial Killer ist hier bestellbar. Einen Auszug aus dem Buch finden Sie hier auf Achgut.com.

Phyllis Chesler ist Autorin, Schriftstellerin und emeritierte Professorin für Psychologie und Frauenforschung an der City University of New York. Von ihr stammen u.a. die wegweisenden feministischen Klassiker „Women and Madness“ (1972), „Woman’s Inhumanity to Woman“ (2002) und „An American Bride in Kabul“ (2013), die mit dem National Jewish Book Award ausgezeichnet wurden, sowie „Islamic Gender Apartheid: Exposing a Veiled War Against Women“ (2017). Sie ist Mitglied beim Middle East Forum und gehört zur Frauenrechtsorganisation „Frauen der Mauer“.


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