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Posted in: Anti-Semitism, Judaism

Published on Jan 27, 2020 by Phyllis Chesler

Published by Achgut

Allein unter Briten


Tuvia Tenenbom ist ein Mann des Theaters, ein Schausteller, der ernsthafteste Clown aller Zeiten, denn hinter seinem koboldartigen Äußeren steckt ein kaum verborgener Schmerz über den Verrat der Menschheit an der Vernunft und an den Juden – und an der westlichen Kultur, wie wir sie gekannt haben.

Tuvia Tenenbom ist auch ein Genießer, ein Feinschmecker, ein Liebhaber sowohl des Luxus als auch der Einfachheit, ein geselliger Kaffee- und Whiskey-Trinker, ein Raucher, und er lädt uns ein, ihn auf eine Tour auf die britischen Inseln zu begleiten, wo er mal gut und mal schlecht speist, mit fast jedem spricht, der mit ihm spricht, alle Theater besucht, die er finden kann, in der Hoffnung, dass sie nicht durch politische Korrektheit zerstört wurden.

Nachdem er die Menschen in Deutschland („Allein unter Deutschen“ und „Allein unter Flüchtlingen“), Israel („Allein unter Juden“) und den Vereinigten Staaten („Allein unter Amerikanern“) interviewt hat, hat er nun einen neuen Band mit dem treffenden Titel „The Taming of the Jew“ veröffentlicht, auf Tschechisch, auf Hebräisch und demnächst auch auf Deutsch (Deutscher Titel Allein unter Briten, erscheint am 17.2.2020 bei Suhrkamp). Das Buch handelt vom Vereinigten Königreich. Er war dort drei Monate im Jahr 2018 und vier Monate im Jahr 2019 unterwegs.

Er ist unser Führer durch einen surrealen Ausschnitt der Hölle – unser Vergil, unser persönlicher Pagliacci. Ja, er folgt demselben selbstgefälligen und ausgedehnten Skript, aber er ist ein guter Begleiter, weil er den Leser einlädt, sich auf Launen einlässt (manchmal funktioniert es, manchmal nicht), Witze macht (einige gute, einige weniger gute), jedenfalls für einen Überbringer solch schlechter Nachrichten immer recht vergnügt wirkt. Genau das macht das Ganze erträglich. Die Tatsache, dass er hauptsächlich anekdotisch, persönlich, freundlich ist, erleichtert das Lesen. Man bekommt keine glasigen Augen von zu vielen Studien und Statistiken.

Sein Thema findet ihn. Überall.

Tenenbom ist auch unser heutiger Albert Londres („Der ewige Jude am Ziel"). Dieser französische Journalist und rechtschaffene Christ reiste vor dem Holocaust durch Europa, um Juden zu interviewen, die verhungerten, froren, in Armut versanken und verhasst waren und sich dennoch weigerten, zu gehen. Nicht allein, dass sie auf den Messias warteten – ihre erbärmlichen Umstände erlaubten es ihnen nicht, sich eine Flucht auch nur vorzustellen, geschweige denn zu finanzieren. Selbst für diejenigen, die bereit sind zur Flucht, ist es immer schwer, Ägypten zu verlassen, vor allem die Verwandten, Freunde, Nachbarn, die Sprache, den Beruf, das eigene Land und die eigene Heimat.

Tenenbom hat die Neue Welt, das Heilige Land und bisher zwei europäische Länder bereist und dabei mit Juden, Christen, Muslimen, Atheisten, Männern, Frauen, Labour-Anhängern und so weiter gesprochen. Er braucht seinem Thema nicht besonders nachzulaufen. Wo immer er auch ist, welche Stadt er auch besucht, sein Thema findet ihn. Es ist überall.

Überall in Irland wehen palästinensische Flaggen. Niemand weiß wirklich, warum, aber sie haben alle das Gefühl, dass das „richtig“ ist. In London verkauft OXFAM für 100 Pfund ein Buch über „die Geschichte Palästinas und seine turbulente Entstehung im Jahr 1948“. Palästinensische Demonstranten in Glasgow sind dagegen, dass Schottland gegen eine israelische Mannschaft antritt. Ebenfalls in Glasgow gibt es eine „Synagoge, die nicht wie eine Synagoge aussieht, sondern wie ein Hochsicherheitsgefängnis“. Tenenbom kommt zu dem Schluss, dass „die Juden sich verstecken“, oder besser gesagt, dass sie aufgrund von Angriffen gezwungen wurden, sich zu verstecken – und auch noch zu leugnen, dass dies so ist.

Wenn geschwätzige Interviewpartner plötzlich stottern

Vor einigen Jahren trank ich mit einem wohlhabenden britisch-jüdischen Geschäftsmann in der Lobby des Dorchester einen Tee. Als die arabischen Besitzer und ihre Freunde hin- und herliefen, senkte mein Gast seine Stimme auf ein Flüstern und sagte: „Sehen Sie, wie es ist? Man kann nichts sagen.“ Tatsächlich hat er nichts gesagt, nicht einmal im Flüsterton. Was weiß ich, er könnte sich auf die Steuern, seine Ehe oder das Wetter bezogen haben.

In „The Taming of the Jew“ gelingt es Tenenbom, mit Kamera und Aufnahmegerät die typischsten und zugleich unglaublichsten Gespräche festzuhalten, Gespräche mit einigen völlig Fremden und Gespräche, die nach Absprache mit verschiedenen Lords, Baroninnen, gewählten Politikern und wegweisenden jüdischen Persönlichkeiten geführt wurden. Die meisten davon wurden offenbar bereits ordentlich „gezähmt“.

Wenn Tenenbom sie mal nach dem Brexit, mal nach dem Judenhass in der Labour-Partei oder nach Israel und Palästina oder dem Leben der Juden im Vereinigten Königreich fragt, fangen völlig geschwätzige Interviewpartner plötzlich an zu stottern, behaupten, sie wüssten von nichts, stoppen mitten im Satz, bestehen darauf, die Aufnahme abzubrechen, leugnen die Realität, brechen in irrationale Schimpftiraden aus oder gehen einfach weg. Unser unerschrockener Interviewer verabredet sich mit Jeremy Corbyn unter Tarnnamen, als Deutscher oder als Jordanier, aber Corbyn entzieht sich seinem Zugriff – bis Tenenbom ihm einmal ganz zufällig begegnet und so in die Lage versetz wird, aus seinen Worten ein Porträt dieses Mannes zu erstellen.

Jüdische Kinder werden mit Eiern beworfen

In Gateshead werden Juden verflucht und auf der Straße beiseite geschoben – aber jeder bestreitet, dass dies so ist. In Newcastle-on-Tyne rühmt sich eine Buchhandlung von Amnesty International mit Plakaten, die behaupten: „Millionen Palästinenser werden heute die Menschenrechte VERWEHRT ... Helfen Sie mit, 50 Jahre Leid und Unterdrückung zu beenden“. Studenten in Newcastle-on-Tyne schmücken ihre T-Shirts mit „Hakenkreuzen und antisemitischen Hasssprüchen“. In Sheffield schreibt ein Sportfan, der am Ende des Spiels um seine Kontaktdaten gebeten wird: „Ich hasse Juden“.

In Prestwich und Manchester werden koschere Geschäfte und jüdische Buchläden in Brand gesteckt, aber die jüdischen Interviewten erwähnen es nicht, reden es klein, „vergessen“, dass es passiert ist. Nicht-Juden bestehen darauf, dass die Juden selbst die Feuer gelegt haben – für das Versicherungsgeld. Als ein jüdischer Interviewpartner zugibt, dass jüdische Cafés in ganz England attackiert worden sind, einschließlich des Golders Green in London, fügt er auch hinzu, dass er, wenn man ihn namentlich zitiert, „gefeuert“ wird.

In diesem grünen und freundlichen Land lauert die Angst – Angst von Juden, dass die Dinge noch schlimmer werden könnten, wenn sie das Wort ergreifen, und Angst vor den Juden, von denen man glaubt, dass sie das gesamte Geld der Welt kontrollieren. Jüdische Kinder geben gegenüber Tenenbom zu, dass sie auf den Straßen von Prestwich „mit Eiern beworfen“ werden. Ihre Eltern gestehen das nicht ein oder sie behaupten kleinlaut, das alles „vergessen“ zu haben.

Tenenbom versucht verschiedene Abgeordnete zu einer Aussage darüber zu bringen, ob sie Corbyn für einen Antisemiten halten oder nicht – und diese besonderen Gespräche sind mehr als schreiend komisch. Einige weigern sich, überhaupt einen Kommentar abzugeben, andere fragen, was mit „Antisemitismus“ gemeint ist, ob es etwas mit Israel zu tun habe, weil das ein anderes Thema sei, etc. Eine jüdische Dame Commander des Order of the British Empire (weiblicher Titel dieses Ritterordens, Anm. d. Red.) ist Abgeordnete der Labour Partei:

„Dies ist doch keine Synagoge, das ist eine Moschee.“

Ich sitze über eine Stunde mit ihr zusammen, und nicht ein einziges Mal würde sie sagen, was sie denkt ... Was sie betrifft, so könne man, wenn ich sie richtig verstehe, nicht sagen, dass eine Person ein ‚Antisemit‘ sei, es sei denn, diese Person erklärt selbst öffentlich ‚Ich bin ein Antisemit‘. Wenn diese Person dagegen nur etwas sagt wie – beispielsweise –, dass Juden kein Recht haben, zu atmen, dann könne man höchstens sagen, dass diese Person sich ‚wie ein Antisemit verhalte‘.

Tenenbom beschreibt einen sehr gesprächigen jungen Mann in London, der nach seiner Meinung über „Antisemitismus in der Labour-Partei“ gefragt wird: „Plötzlich gibt es eine große Veränderung in seinem Sprachmuster. Er stottert: ‚Ich meine, ah, äh, das ist ein sehr, das ist unglaublich, sie, äh, es ist ein unglaublich heikles Thema.' Und nachdem er sich noch etwas mehr damit herumgeschlagen hat, sagt er mir, dass er gehen muss.

Ganz gleich, wie bizarr oder enttäuschend oder zum Verzweifeln solche Antworten auch sein mögen, Tenenbom macht stoisch weiter stoisch wie die Queen of England. Muslime sind in Bradford mehr als willkommen; Juden nicht so sehr. Und in London erfordert die größte Moschee des Landes (die Ost-Londoner Moschee) keinerlei Sicherheitsvorkehrungen: „Dies ist doch keine Synagoge, das ist eine Moschee.“

Tenenbom plaudert mit zufällig angetroffenen Personen auf den Straßen von Chester und Shrewsbury. Ein junger Mann, Alex, erzählt ihm: „Ich denke, dass die Gründung des Staates Israel falsch war. Sie kamen und übernahmen ein Land. Das zu kapieren, es ist mir ein Rätsel ... Der Holocaust ist ein großes Rätsel. Die Geschichte wird immer von den Siegern geschrieben, also kann man nicht wirklich etwas dazu sagen. Haben die Deutschen die Juden getötet? Nicht alle sind sich einig. Hat Hitler befohlen, die Juden zu töten? Dafür gibt es keine Beweise. Und wenn einige Juden getötet wurden, wie viele waren es dann? Das ist ein weiteres Mysterium.

Vernichtender Zustand des Theaterwesens

Und dann, als er gefragt wird, ob er die Palästinenser unterstützt, antwortet Alex so: „Nicht unbedingt. Ich meine, jetzt, wo die Juden dort sind, bin ich, glaube ich, eher auf ihrer Seite. Schwer zu sagen.“

Und während Tenenbom weitere Gespräche wie dieses erträgt oder genießt, ist in der Oxford Union der malaysische Premierminister zu Gast, ein bekannter Judenhasser, und in der Woche darauf folgt eine „Palästina-Debatte“. Unabhängig davon haben der Oberbürgermeister von Oxford und der Bürgermeister von Ramallah ein „Twinning-Agreement“ zwischen den beiden Städten unterzeichnet.

Ein weiterer jüdischer Abgeordneter wird mit Tenenbom sprechen, aber nur vertraulich. Eine jüdische Baronin, Rosalind Altmann, wird zu Protokoll geben: „Zum ersten Mal in meinem Leben fühle ich mich als Jüdin wegen meiner Zukunft in diesem Land bedroht“. Tenenbom ist entsetzt. „Eine Dame in einer so hohen Position, die Angst vor dem ultimativen Untergang hat.“

Sicherlich ist etwas faul im Staate England, wenn einem bei Theateraufführungen dort nicht das Blut in Wallung gerät oder einem die Tränen in die Augen steigen. Tenenbom, immer schon ein großer Theaterliebhaber und selbst Dramatiker und Regisseur, zeichnet ein vernichtendes Porträt vom Zustand des englischen Theaterwesens.

Politisch korrekt und gleich

In der Heimatstadt des großen Dichters, Stratford-on-Avon, wurde eine Aufführung von Molieres Tartuffe „in die heutige pakistanische muslimische Gemeinde von Birmingham verlegt“. Das ergibt wenig Sinn und ist überhaupt nicht lustig. Die Schauspieler sind nicht „hier, um zu spielen ... sie alle sind hier, um zu predigen“.

In Cardiff, Wales, besucht Tenenbom eine politisch korrekte Version von Romeo und Julia. Die Capulets und die Montagues sind nicht voneinander zu unterscheiden. In beiden Häusern gibt es „gemischte Rassen und Ethnien, und die Liebenden kommen nicht aus rivalisierenden Gemeinschaften ... Sie sind genau gleich. Politisch korrekt und gleich“.

In London nimmt er an einer Produktion von Richard III. teil. Die gesamte Besetzung besteht aus „Women of Color“. Tenenbom ist von deren Performance nicht beeindruckt. „Eine elegante weiße junge englische Dame, die neben mir sitzt, erklärt es so: ‚Seit Generationen wird Frauen, insbesondere farbigen Frauen, das Recht verweigert, wichtige Rollen zu spielen. Heute Abend werden sie das tun. Ich halte das für eine wunderbare Idee.“ In der Pause, nachdem sie gesagt hat, wie sehr ihr die Aufführung gefallen hat, „steht sie auf, um ein wenig frische Luft zu schnappen, kehrt aber nie zurück“.

Tenenbom schreibt: „Früher war das britische Theater brillant, künstlerisch, mutig, humorvoll, emotional, witzig, unterhaltsam“, aber, abgesehen von einigen Ausnahmen, ist das heute nicht mehr so.

„Der Holocaust ist noch nicht beendet“

Der Holocaust-Gedenktag findet jedes Jahr in London statt, „an dem Tag, an dem das deutsche Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau in Polen befreit wurde“. Er hat sich zu einem „Gedenktag nicht nur für Juden, sondern auch für andere Völker, die unter anderen tragischen Umständen umgekommen sind (entwickelt), sei es im Sudan, in Ruanda, Myanmar, Bosnien, seien es Zigeuner und Schwule ... Bei der Zeremonie wird wiederholt eine ganze Reihe von Ländern erwähnt, aber Israel nur ein einziges Mal, und selbst da eher als nachträglicher Einfall. So sieht heute der Holocaust-Gedenktag ‚British-style‘ aus.“

In einem Gespräch mit einem anderen jüdischen Lord (der sich weigert, den Antisemitismus in der Labour-Partei zu kommentieren) sagt dieser Herr zu Tenenbom: „Ich habe eine Tasche, die ich überall hin mitnehme. In ihr habe ich meinen Pass und siebenundzwanzig verschiedene Währungen. Wenn ich morgen abreisen müsste, würde ich gehen. Ich bin 76 Jahre alt und lebe seit 76 Jahren hier, und ich bin Mitglied des House of Lords, trotzdem.“ Tuvia kommt zu dem Schluss: „Der Holocaust ist noch nicht beendet und er betrifft nur die Juden, auch die Lords.“

Welche Schlussfolgerung können wir müssen wir ziehen? So sagt es Tenenbom: „Ja, ich habe in diesem Land viel Antisemitismus gefunden und ihm viele Buchseiten gewidmet, aber ich glaube es immer noch nicht ganz; ich glaube mir selbst nicht. Das kann nicht wahr sein, sage ich mir immer wieder.“

Solch ein blinder und hartnäckiger Hass trotzt jeder Vernunft; das Böse ist unmöglich zu begreifen.

„Taming of the Jew“ ist ein Bericht von der Front. Wir wissen jetzt, dass der Judenhass über Jeremy Corbyn hinausgeht, über die Labour-Partei hinausgeht, dass der Antisemitismus ganz Großbritannien infiziert hat, von seinen Hochwohlgeborenen bis hin zu jenen von „niedriger Geburt“. Wir wissen das, weil Tenenbom dort war und diese Geschichten erlebt hat. Es gibt nur sehr wenige Orte in Irland, Schottland, Wales oder England, die man besuchen kann, ohne darauf zu stoßen. Wir wissen auch, dass der Judenhass weit über das Vereinigte Königreich hinausgeht, weit über ganz Europa hinausgeht, dass kein Land der Erde frei von diesem alten und blutigen Vorurteil zu sein scheint.

Dr. Phyllis Chesler ist emeritierte Professorin für Psychologie und Autorin von 18 Büchern, darunter Women and Madness (1972), Woman’s Inhumanity to Woman (2002), The New Antisemitism (2003) und A Politically Incorrect Feminist (2018). Sie lebt in Manhattan.


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